Auch unsere Kirchengemeinde beteiligte sich an der Veranstaltungsreihe »Ein Buch bewegt LE«.  Ein Rückblick auf die musikalische Lesung mit Frank Streichfuss und Christoph Haas und dem ökumenischen Literaturgottesdienst — beide Veranstaltungen fanden im Mai 2018 in der Peter-und-Paul-Kirche statt — finden Sie hier:

Zum zweiten Mal initiierte die Bürgerstiftung LE in Kooperation mit der Volkshochschule, der Buchhandlung Seiffert, Schulen, der Stadtverwaltung und den ev. und kath. Kirchengemeinden ein Literaturprojekt. Möglichst viele Menschen sollten im Frühjahr 2018 das ausgewählte Buch »Gehen, ging, gegangen« von Jenny Erpenbeck lesen und in verschiedenen Veranstaltungen, Diskussionen und einem ökum. Literaturgottesdienst über den Inhalt ins Gespräch kommen.

Jenny Erpenbecks Tatsachenroman, der 2015 erschien, also zeitgleich als die europäische Flüchtlingskrise ihren Höhepunkt erreichte, schildert vom Leben einiger Afrikaner, die vor Krieg und Terror nach Deutschland flüchteten. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Richard, einem seit kurzem emeritierten Berliner Professor. Vor dem Roten Rathaus in Berlin sind 10 junge Männer in den Hungerstreik getreten. Sie kommen aus Niger, Ghana, dem Tschad und Libyen, sind über das Mittelmeer nach Italien und von dort nach Deutschland geflüchtet. Seit Jahren sind sie zum Warten verurteilt. Sie protestieren, weil sie bleiben wollen, weil sie arbeiten wollen, vor allem aber, weil sie sichtbar werden wollen: »We become visible« (Wir werden sichtbar).

Richard, verwitwet, kinderlos und einsam, langweilt sich nach seiner Emeritierung und nimmt sich den Schicksalen der geflohenen Männer an. Die Monotonie des Alltags hat Richard mit den Flüchtlingen, die zur Untätigkeit gezwungen werden, gemeinsam. Aus vielen kleinen Geschichten und Situationen setzt sich so nach und nach ein Bild zusammen. Und Richard wird immer mehr Teil des Ganzen und aus dem entfernten Beobachter wird ein Mensch, der sich der Realität nicht mehr verschließen will und verschließen kann.

Eine musikalische Lesung mit Frank Streichfuss und Christoph Haas

Die ev. Kirchengemeinde Leinfelden-Unteraichen beteiligte sich mit einer musikalischen Lesung an der Veranstaltungsreihe. Am Sonntagabend, den 06.05.2018 kamen viele interessierte Zuhörer in die Peter-und-Paul-Kirche, um der »musikalischen Lesung« beizuwohnen. Wie der Vorsitzende der Bürgerstiftung LE, Professor Dr. Edelbert Vees, bei seiner Begrüßung ausführte, hat das Buch von Jenny Erpenbeck mit der Schilderung einzelner (Flüchtlings-)Schicksale nicht an Aktualität verloren: »Hinter jedem Flüchtling steht ein Mensch, der vor seiner Flucht in seiner Heimat, in seine Familie und in seine Lebensgemeinschaft eingebettet war. Und der inständig hofft, nach langer Leidensgeschichte wieder Teil einer solchen Gemeinschaft zu werden ...«

Frank Streichfuss, der u.a. als Dozent für Sprecherziehung am Mozarteum Salzburg tätig ist, hat virtuos die Textstellen, die im Mittelpunkt der Lesung standen, vorgetragen: Das Schicksal von Raschid, einem Nigerianer, der nach Libyen zog und dort als Schlosser arbeitete und eine eigene Firma mit zwei Angestellten besaß. Erzählt wird, wie er sich mit seiner Frau um die beiden Kinder (drei und fünf Jahre alt) kümmerte, wie die Soldaten kamen, sie auf Lastwagen trieben und später auf Boote. Raschid wollte gar nicht nach Europa. Wer vom Boot versuchte, zurück an Land zu gelangen, wurde erschossen. Auf der tagelangen Überfahrt verdursteten viele Vertriebene. Bei der Rettungsaktion vor der Küste Italiens ertranken seine beiden Kinder. Seit 13 Jahren ist er nun unterwegs. »Wohin geht ein Mensch, wenn er nicht weiß, wo er hingehen soll?«

Entgegen der Annahme vieler ist das Handy für die Menschen auf der Flucht kein Luxusartikel, sondern ein Teil ihrer Identität. Wird die Speicherkarte zerbrochen – wie bei Raschid von den Soldaten – geht auch die Erinnerung zu Bruch. Ein wichtiger Teil des früheren Lebens wird vernichtet. Verbindungen zur Vergangenheit werden gekappt.

Einfühlsam und in einem ungeahnten Ausdrucksreichtum kombinierte Christoph Haas, einer der »profiliertesten Percussionisten und ein Weltmusiker von Rang« (Stgt. Zeitung), zwischen den Textpassagen das Gehörte mit einer Vielfalt an Instrumenten. Ob mit der Rahmentrommel, Glocken, Berimbao (einem Musikbogen), dem Muschelhorn oder dem (gemeinsamen) Gesang u.a., Christoph Haas zog das Publikum in seinen Bann.

Mit langanhaltendem Applaus dankte das Publikum Frank Streichfuss und Christoph Haas, die es ermöglichten, an diesem Abend in den Roman von Jenny Erpenbeck einzutauchen und die Gedanken fliegen zu lassen.

Ökumenischer Literaturgottesdienst in der Peter-und-Paul-Kirche

Eine zweite Veranstaltung unter Beteiligung der ev. Kirchengemeinde Leinfelden-Unteraichen fand am 13.05.2018 mit einem ökumenischen Literaturgottesdienst statt.

In der vollbesetzten Kirche fasste zunächst Pfarrer Martin Weinzierl Erpenbecks Roman kurz zusammen.

Im Anschluss führte der Theologe Dr. Wolfgang Wieland von der katholischen Kirche mit der Schriftlesung aus dem Matthäus Evangelium und der Frage nach dem »wirklich richtigen Tun« weiter in die Thematik ein. Er verknüpfte dann diesen Gedanken mit Betrachtungen über den Epheser Brief zum »Bürgerrecht im Haus Gottes«. Dr. Wieland sprach die Hoffnung aus auf ein friedliches Miteinanderleben von unterschiedlichen Kulturen, Religionen und Glaubensgemeinschaften, bei dem schlussendlich Fremde zu Mitmenschen werden.

Besonders hat auch die Musikgruppe »Nevbahar« den Gottesdienst bereichert. Sie nahmen die Besucher mit unterschiedlichen Musikstücken in beeindruckende Klangwelten mit.

Im Anschluss an den Gottesdienst gab es noch die Gelegenheit, beim Kirchenkaffee miteinander ins Gespräch zu kommen.

Ann-Kathrin Radig und Isabel Vermander