Damit sie eins sind wie wir

Johannes 17, 6

Diese Worte schließen die Abschiedsrede Jesu im Johannesevangelium ab. Nun sagt er seinen Jüngern, was wirklich wichtig ist. Aber in unserem Text spricht er schon nicht mehr nur zu seinen Jüngern, sondern auch zu seinem himmlischen Vater. Das ist keine Rede mehr, sondern ein Gebet, sein längstes Gebet.

So erleben wir eine Übergangssituation: Jesus kehrt in die Herrlichkeit seines Vaters zurück. Jesus spricht nicht mehr seinen Jüngern von seinem himmlischen Vater, sondern er spricht dem Vater von seinen Jüngern. Die Jünger hören also eine Rede, die sich doch nicht an sie richtet. Es ist nicht mehr eine Beziehung zu zweit, sondern zu dritt : die Jünger, Jesus und der Vater.

 

In seinem Gebet sagt Jesus einfache Wörter, dennoch ist diese Rede nicht leicht zu verstehen.

Jesus bittet, dass seine Jünger eins bleiben : Bewahre sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind wie wir!

Jesus gibt seinen Jüngern einen Hinweis: Diese Einheit besteht schon zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater, denn sie sind in ihrem Wesen eins. Man kann zwischen dem Vater und dem Sohn nichts Trennendes hineinschieben. Man kann sie nicht voneinander trennen.

Es heißt also nicht, sich anzustrengen, um eins zu werden, sondern einfach diese Einheit wahrzunehmen.

Jeder von uns hat seine eigene Persönlichkeit und das ist gut so. In der Kirche handelt es sich nicht darum, eine Uniformität zu erreichen, sondern eine Harmonie, diejenige Harmonie, die zwischen dem Sohn und dem Vater schon vorhanden ist.

Jesus und sein himmlischer Vater sind eins, aber verschieden. Eins sein, für uns Christen, heißt nicht, dass wir alle gleich sein sollten: eine solche Gesellschaft wäre tatsächlich totlangweilig.

Der Sohn und der Vater haben Unterschiedliches getan: der Vater blieb in seiner ewigen Herrlichkeit, die für uns unvorstellbar ist; der Sohn kam in unsere Welt, um mit uns zu leben. Aber beide waren in ihrem Wesen und in ihrem Willen völlig eins. Was der Vater will, das will auch der Sohn. Beide gehören untrennbar zusammen.

Wir sprechen verschiedene Sprachen, entweder Deutsch oder Französisch, in Jesus-Christus sind wir aber eins. Wir haben eine andere Kultur, eine andere Geschichte, wir sind doch eins.

Dieses Gebet stellt uns das Urbild der Einheit vor. Und Jesus will, dass Menschen in diese Einheit durch den Heiligen Geist auch hinein genommen werden. Es ist jene Liebesbeziehung, von deren der der erste Johannesbrief spricht. Keine Trennung ist mehr möglich, weder zwischen Jesus und seinem Vater, noch zwischen uns Christen.

Die andern bedrohen uns also nicht mehr. Im Gegenteil: wir dürfen durch sie lernen und bereichert werden. In seinem Buch „Die Stadt in der Wüste“ schrieb Antoine de Saint-Exupéry: Wenn Du anderer Meinung bist, verletzt Du mich nicht, Du bereicherst mich.

In diesem Sinne ist Einheit ein Wunder, das uns von Gott geschenkt wird. Dieses Wunder der Einheit führt uns Jesus vor Augen: wir gehören zusammen.

Amen

Bernard Mourou